Lidschlag am Westhang der Erde

Mein Bericht nach einer West-Ost-Durchquerung Südamerikas von Valparaiso zum Rio de la Plata.

Veröffentlicht in der „Freien Presse“ vom 18. März 2004

Pablo Nerudas Haus in Valparaiso: La Sebastiana

Einen Landeplatz für Hubschrauber und „mögliche Raumfähren“ gibt es in Valparaiso. Das Haus hoch über der Meeresbucht hatte der Spanier Sebastian Collado gebaut. Kurz vor der Vollendung starb er. Die Aussicht ist die schönste in der Stadt. Der Landeplatz war auf der Terrasse des Mauri-Theaters geplant, blieb aber bis heute unbenutzt. Das gleiche Gebäude wurde später von dem Dichter Pablo Neruda bewohnt. Es ist wie eine Kopie Valparaisos mit seinen Winkeln und Treppen: Aus allen Fenstern sieht man das Meer, die Schiffe, die Bucht. Die Farben der Wände spiegeln die Farben der Häuser wider.

„Von Himmelsstrich wandernd
zu Himmelsstrich kam ich, einem
leeren Netze gleich, in die Straßen
und die Hülle der Luft …“

Pablo Neruda, Canto General

Im Sonnenlicht funkelt der Hafen der Hoffnung. Etwas ewig Unbestimmbares trenne Valparaiso von Santiago, schrieb Pablo Neruda. „Santiago ist eine gefangene Stadt, umzingelt von ihren Mauern aus Schnee. Valparaiso hingegen öffnet seine Tore zum offenen Meer, dem Geschrei der Straßen, den Augen der Kinder.“ Hundert Jahre alte Drahtseilbahnen klimmen Hügel hinauf, die den Wasserteppich wie die Ränge eines Theaters umkränzen. Menschen strömen die Straßen hinab wie rinnendes Wasser. Die ältesten Oberleitungsbusse der Welt sieht man in den quirligen Straßen Valparaisos. Hähne krähen um kurz nach Zwei, wenn die Sonne über den nördlichen Himmel wandert.

Über dem Panorama steht ein einzelner, bunter Drachen. Hinter Nerudas „zottigen Bergen“ im Osten liegt die Hauptstadt, als habe eine pazifische Welle sie wuchtig vor die Mauern der Anden gespült. Alle Viertelstunde fährt ein Linienbus die reichlich hundert Kilometer. An der „Estacion Central“ in Santiago de Chile werden Glaskästchen mit aufgenadelten Insekten verkauft. An manchen Straßenkreuzungen wirkt Santiago wie ein Postkartenidyll, mit Palmen vor gläsernen Türmen und schneebedeckten Gipfeln. Sechs Millionen Menschen leben hier.

Im Stadtmuseum von Santiago zeigt ein Modell die Metropole zur Kolonialzeit. Es ist das Ursprungsmodell einer jeglichen lateinamerikanischen Stadt. Vom Hauptplatz, an dem die Kathedrale steht, pflanzen sich die Straßen in Geraden und rechten Winkeln fort. Mit Feuer und Schwert hatten die spanischen Eroberer des Erdteils ihr Ideal von Ordnung und Klarheit durchgesetzt. Der Fluss Mapocho, der in grüner Wut aus den Anden herabschießt, und die parkbemützten Hügel machen Santiagos Innenstadt dann doch unverwechselbar. Spuren einer Altstadt findet man da, wo der Geschäftssinn zwischen aufschießenden Bürohäusern etwas stehen gelassen hat.

Vor dreißig Jahren, an Chiles dunklem 11. September, erlebte das Land seine mörderischsten Tage. Am Präsidentenpalast, der Moneda, erinnert heute ein viel fotografiertes Denkmal an den rechtmäßig gewählten Präsidenten Salvador Allende Gossens, den Putschisten in den Tod getrieben hatten. Am Schauplatz von Allendes Martyrium stehen zur Weihnachtszeit Christbäume aus aller Welt. Im Nationalstadion, einer der berüchtigten Mordstätten von 1973, erinnert an die Opfer – nichts.

Von den Schuhputzern Santiagos kommen dieser Tage viele aus Argentinien und Peru. Bis zu sieben Kilometer hohe Berge trennen Chile, die Schulter des Kontinents, von Argentinien, wo das Festland seinen Schwerpunkt hat. Dreißig Kurven windet sich die Straße zum Sattel des Aconcagua hinauf, jenem Gipfel, an dem Amerika dem Himmel am nächsten ist. Hart an der Grenze verläuft der alte Handelsweg der Inkas. Eine Pass-Eisenbahn gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr. Ihre Überbleibsel, der alte Felsdamm und funktionslose Brücken, sind noch überall zu sehen.

Die Berge glühen rot, als der Linienbus durch eine Kaskade von Tunneln in die Ebene des Weinlands von Mendoza hinausgerissen wird. Nach neunzehn Stunden Fahrt, im Morgengrauen, erreicht er Córdoba, die zweitgrößte Stadt Argentiniens, die eine historische und kulturelle Schatzkammer ihres weiten Landes und des ganzen Erdteils ist.

Aus dem Norden zieht Nebel durch die Straßen, sandiger Wind, die Kühle kommt von Süden her. In der Kathedrale schweben rastlose Ventilatoren. Die Angestellte einer Bar balanciert ein Tablett mit Kaffee über einen öffentlichen Platz. Auf seinem aufgebockten Fahrrad sitzt ein Mann, der für Passanten Messer schärft.

Den Jesuiten, die 1767 von der spanischen Krone geächtet und aufgerieben wurden, verdankt Córdoba viel von seinem Charme. Die Bibliothek der Padres gehört heute zum Weltkulturerbe. Hier gibt es die ältesten Bücher und die nach Lima zweitälteste Universität Lateinamerikas. Die erste Druckpresse des Kontinents stand hier. Sie haben sie später nach Buenos Aires geschafft.

Am Plaza San Martin im Zentrum, von Besuchern meistens ignoriert, das einstige Hotel Flora: Hier hat Ernesto „Che“ Guevaras Familie kurz gewohnt. Sie zog dann vierzig Kilometer weiter nach Alta Gracia, einem Kurort, den man mit Davos verglichen hat. Dem asthmatischen Jungen, der zum Revolutionär geworden war, huldigt man in Alta Gracia mit einem Museum. Dem asthmatischen Jungen – nicht dem Revolutionär. Guevara wurde 1967 in Bolivien ermordet. Sie brauchten ihren Che heute wieder, schrieb einer in Alta Gracia an eine Wand.

Dieses wunderbare Land mit seinen herzlichen Menschen, Argentinien, versinkt manchmal unter einem Schleier von Düsternis und Melancholie. Neun Nachtstunden braucht der Bus von Córdoba bis zum Hafen im Osten, einer Metropole ohne Himmel und ohne Horizont. „Sweet Home Buenos Aires“, krächzt Charly Garcia, mit ramponierter Stimme von zwanzig Jahren Rock’n’Roll und politischem Protest. Bewunderer der Hauptstadt rühmen San Telmos Antiquitäten, Palermos gemütlichen Charme und die Tangokneipen von La Boca – einem Viertel, dessen Hauptheiliger Diego Maradona ist, der Fußballheld auf Drogenentzug.

Die Stadt zeigt Defekte im Schatten der Türme, die in den neunziger Jahren unter der Dollarsonne aufgeschossen sind. Im argentinischen Hinterland galt „der Hafen“ lange Zeit als Verbündeter der Kolonisatoren. Noch heute werben Reiseführer in argloser Vergleichssucht, das edle Viertel Recoleta sehe aus wie manches Viertel in Paris. Eine Stadt, ein Land, ein Erdteil als Schatten Europas? „Lateinamerika ist eine Pandorabüchse; die Fähigkeit zu überraschenden Wendungen ist in dieser gequälten Zone der Welt unerschöpflich“, schreibt der Buchautor und Journalist Eduardo Galeano aus Uruguay. Vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires wird seit zwei Jahren wieder häufig demonstriert, und die großen Fenster der Banken in den städtischen Flaniermeilen fürchten die Nächte.

Hinaus auf den Trichter des Rio de la Plata, zum anderen Ufer nach der Hauptstadt Uruguays. Von Buenos Aires aus fliegt das Schnellboot in drei Stunden hin. Montevideo, eine Stadt, „langweilig und gütig, die im Sommer nach Brot schmeckt und im Winter nach Rauch“, wie Galeano schrieb, ragt aus dem unüberschaubaren Fluss wie der Buckel eines Wals. Die zentrale Avenida folgt der Wirbelsäule, zwischen den Wirbeln auf beiden Seiten: die See. Am Schwanz des Wals sitzen braun gegerbte Männer mit offenen Gesichtern und angeln von der Mole aus.

Warme Flohmärkte hat Montevideo im Schattenwurf der Palmen, Zettel fliegen zu, Offerten. In einem Holzkistchen voller Geld und alter Ansichtskarten, zwischen ausrangierten Banknoten aus dem Irak mit Saddams Konterfei, findet sich auch ein vergilbtes Kärtchen aus Valparaiso, vom Westhang der Erde, mit einem wortkargen, schnell dahingewischten Gruß.

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