Die Gedanken bleiben stehen

Mein Bericht über Schicksale in einem rumänischen Krankenhaus. Frau Paal, die Protagonistin des Artikels, ist kurz nach der Veröffentlichung verstorben.

Veröffentlicht in der „Freien Presse“ am 20. April 2001 

Nun ist Frau Paal schon achtzig Jahre auf der Welt, doch wo es mit ihr hinkommen würde, das ahnte sie nicht. „Heute bin ich niemand mehr“, klagt sie. „Ich hatte eine große, große Wirtschaft. Alles ist verloren.“ Dazu die Einsamkeit: Ihr Mann starb 1984, ihre Tochter voriges Jahr. Zwei Söhne wanderten nach Deutschland aus. Sie hätten sie wohl mitgenommen, aber was sollte sie dort? Elisabeth Paal ist Siebenbürger Sächsin, Angehörige einer deutschen Minderheit, die seit achthundert Jahren im Karpatenbogen heimisch ist. Die Frau hat noch einen Enkel, der sich nicht mehr bei ihr blicken lässt und nur ab und zu am Fenster des Spitals vorbeihuscht, „wie eine Ratte“. Oft denkt Frau Paal: Mit meiner Tochter wäre alles anders gekommen. Dass sie so jung sterben musste, war für das ganze Dorf ein Schock.

Das Lukasspital Laslea ist ein christliches Kranken- und Pflegehaus. Jeden Tag lässt sich Frau Paal für ein paar Stunden auf ihrem Stammplatz nieder, im Gemeinschaftszimmer des Spitals. Den Stuhl macht ihr niemand streitig. Sie thront mit dem Rücken zur Heizung, vor sich einen Tisch; sie häkelt und stickt und gibt Acht auf jede Neuigkeit.

Die anderen zwei Dutzend Dauerpatienten, ob sie reden oder dösen, sitzen an der Wand, die Hände meist im Schoß. Wie die beiden Herren: Einer, den es alle Augenblicke durchzuckt und der beim Atmen pfeift und der im Zimmer eine Pudelmütze trägt – und ein anderer im Rollstuhl, unbewegt und ausdruckslos. Eine traurige kleine Gesellschaft, und doch…

„Wir sind hier alle über siebzig, achtzig Jahre“, sagt Frau Paal, „und es sind viele mit einem schlimmen Schicksal. Aber ein jeder wird gepflegt, als wäre er ein junger Mensch. Jeder soll wieder auf die Beine kommen. Die Pflegerinnen und Pfleger sind sehr aufmerksam, das Essen ist gut, und die Güte unseres Doktors kann man nicht beschreiben. Unter Tausenden gibt es vielleicht einen, der unserem Doktor gleicht.“

Das Spital in Laslea – der sächsische Name der Gemeinde ist „Großlasseln“ – wurde mit deutscher Hilfe erbaut, vor allem des Bremer Diakonischen Werks, aber auch vieler kleinerer Vereine. Darunter ist „Hilfe DIREKT – Hilfe die ankommt“ aus Hohenstein-Ernstthal einer der engagiertesten. „In ganz Rumänien finden sie so ein Spital kein zweites Mal“, sagt Petre Oprean, der Doktor, die Seele des Hauses. Er sagt diesen Satz eher traurig als stolz. „Die Realität meines Landes ist eine Katastrophe: Blutarme Kinder, die meisten Familien im Elend, das Geld reicht nicht für Essen, das Geld reicht nicht für Medizin. Realistisch gesehen, lösen wir mit dem Lukasspital nicht einmal die Probleme im Lassler Tal. Trotzdem dürfen wir nicht aufgeben. Die Menschen brauchen uns.“

Einst war das Lukasspital das Lassler Schulhaus, ein Glockentürmchen hat es noch. Bis in die Ceaucescu-Jahre wurde diese Landschaft, die die Rumänen „Transsilvanien“ nennen, von der deutschstämmigen Bevölkerung der Siebenbürger Sachsen geprägt. Touristen schwärmen heute von den weinüberdachten Höfen, den Kirchenburgen und der Dracula-Romantik im Schässburger Land. Amerikaner kommen im Sommer zu Tausenden her. Aber die Sachsen selbst sind fast alle weg, zumeist nach Deutschland. Mit ihnen verschwanden ihre Sprache und Kultur.

Frau Paal wurde im Sommer des Jahres 1921 in Dunersdorf (Danes) geboren, nur eine Stunde zu Fuß von Lasseln entfernt. Als sie zur Welt kam, galt Rumänien als reiches Land, in dem Europas Fürsten ausgedehnte Güter besaßen, und das Europas Fabrikanten zu einträglichen Unternehmungen bewog. Im Lukasspital lebt wie Frau Paal eine 92-jährige Frau, die ihre schönen weiten Augen  mit einer extra großen Brille betont und von der man sich erzählt, dass sie aus New York oder Chicago gekommen sei, damals, in den längst vergessenen guten Zeiten.

„Wir lebten in einfachen Verhältnissen“, bringt Frau Paal ihre eigene Geschichte wieder in Gang. Schon mit siebzehneinhalb Jahren verheiratete sie sich. Der Krieg bestimmte das Schicksal ihres Mannes: Schon sechs Wochen nach der Hochzeit berief die Generalität ihn ein, und als Frau Paal ihn nach dem großen Morden zurückbekam, da war er krank und hütete auf Jahre das Bett. In Rumänien kamen jetzt die Kommunisten an die Macht, und denen waren tüchtige Bauern wie die Paals ein Dorn im Auge. „Wir hatten damals zehn Stück Vieh, acht Kühe und zwei Ochsen, und ein Pferd“, erzählt sie. „Sie nahmen uns alles, auch unser Land.“ Um die Familie durchzubringen, begann die notleidende Bäuerin zu weben – Tischdecken, Handtücher, rumänische und siebenbürgisch-sächsische Trachten. In den sechziger Jahren fing ihr Mann als Waldhüter an. Weil er weiter krank war, schleppte er sich anfangs auf zwei Stöcken hinaus, und die Frau musste ihn des Öfteren vertreten.

Die Erinnerung schmerzt, Frau Paal hält inne, der Mann mit Pudelmütze zuckt und pfeift. „Der kann nur noch pfeifen und klatschen“, sagt sie halb mitleidsvoll, halb ärgerlich. „Das geht nun schon jahrelang so.“  Der Herr sei allerdings schon 91 Jahre alt. „Sie waren daheim zehn Geschwister, von denen der Vater hundert Enkel haben wollte. Das war sein sehnlichster Wunsch.“ Doch außer diesem einen dort hat keiner überlebt: Wer weiß, warum. Jetzt leistet der Pfeifende manchmal einer Professorin aus Klausenburg (Cluj-Napoca) Gesellschaft, deren Mann Prokurist war, und die jetzt übergeschnappt in der Ecke hockt. Auch der Mann im Rollstuhl, der sich nicht rührt, ist übergeschnappt. Solches Grauen, solches Leid: „Er war ein Ingenieur“, berichtet Frau Paal, „der Führer eines großen Schweinemastbetriebs. In der 89er Revolution haben sie seine Tochter vor seinen Augen erschossen. Ihre Mutter hielt sie dabei im Arm. Es geschah in seiner eigenen Wohnung, im sechsten Stock, in Temeswar. Seitdem ist er gelähmt. Nicht einen Fuß kann er noch bewegen. Er hatte Feinde, die sich an ihm rächen wollten. Jetzt sitzt er oft bei mir. Was aus seiner Frau wurde, weiß ich nicht. Man fragt ja nicht. Es tut so weh.“ Nach einer Weile fügt sie hinzu: „Das ist auch einmal ein Mensch gewesen.“

Fast ihr ganzes Leben hat Frau Paal in Dunersdorf verbracht. Als sie schließlich sehr krank wurde, versprach ihr Doktor Oprean: „Wenn das Krankenhaus in Lasseln fertig ist, dann kommst du hin.“ Frau Paal litt an Diabetes und schälte sich „wie ein Hase“, erzählt sie. 1997 war es soweit: Das Lukasspital konnte dank der Hilfe aus Deutschland mit 36 Plätzen eröffnet werden. Frau Paal war die erste Dauerpatientin. Trotz der schwierigen Umstände ist das Spital seit Jahren voll belegt und längst über die Grenzen Siebenbürgens hinaus bekannt.

Ein Wunder, an dem auch Frau Paals Tochter lange Zeit Anteil hatte. Frau Sion leitete den Tabita-Shop, einen Laden für Gebrauchtartikel, der das Spital aus seinen Erlösen mitfinanziert und zugleich die Ärmsten des Dorfes versorgt. Wenn ein Lastauto aus Deutschland neue Kleiderspenden bringt, bildet sich am nächsten Morgen, bevor die Türe aufgeschlossen wird, eine Menschentraube, die weithin zu sehen ist.

Die hoch geachtete Frau Sion, die am Herzen litt, starb am 1. September 2000, um 10.10 Uhr, im Alter von nur 51 Jahren. Doktor Oprean behielt Frau Paal an diesem Tag in seiner Obhut, aus Sorge, auch ihr könne etwas geschehen. Der Schock hat sie gelähmt. „Das sind alles Gottes Wege“, flüstert sie jetzt. „Ich bin nur noch alleine da.“

Ihren Dunersdorfer Webstuhl schenkte sie vor Jahren einem Nonnenkloster. Der Arzt hatte ihr das Weben verboten. Nun häkelt und stickt sie und „zeichnet die Kleidschaft“ für das Lukasspital, solange ihre Augen das noch erlauben. Ihre Finger, die wie Zweige eines alten Baums voll Falten und rätselhafter Male sind, bewegen sich eilfertig, als gelte es, den Sog der Zeit zu überlisten.

„Ich darf nicht so viel denken“, beschließt Frau Paal für diesen Augenblick. „Sonst bleiben mir am Ende die Gedanken stehen.“

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