Als Dean Reeds Chile in Bulgarien lag

Ein DDR-Kultfilm über den Mord an dem chilenischen Volkssänger Victor Jara hat in diesen Tagen erstmals den Weg in ein chilenisches Kino gefunden: Die Chilenen reagierten auf „El Cantor“ neugierig, aber auch peinlich berührt.

Veröffentlicht in der „Freien Presse“ am 30. Dezember 2012

„Victor Jara hat das Aussehen eines Gringos, die Chilenen werden von Bulgaren dargestellt“, spottet das chilenische Satiremagazin „The Clinic“ in seiner jüngsten Ausgabe. „Alle sprechen deutsch, aber gesungen wird auf Spanisch mit Akzent. Und das alles ist von einer Naivität eingehüllt, die ein bisschen peinlich wirkt.“

„El Cantor“ wurde ursprünglich für das Fernsehen der DDR gedreht und am 22. Dezember 1978 im Berliner „Kosmos“-Kino uraufgeführt. Es war Dean Reeds erste Regiearbeit. In Chile sorgten vor allem die Auftritte Prominenter für Erstaunen: Clodomiro Almeyda, Exekutivsekretär der Unidad Popular, und die Sänger Isabel und Angel Parra sind in dem Film zu sehen. Letzterem ist seine Mitwirkung inzwischen peinlich, sagte er „The Clinic“. Auch Victor Jaras Witwe Joan ließ keinen guten Faden daran. Schon vorab hatte sie Reed ihre Unterstützung versagt. Der Name Victor Jaras taucht deshalb in „El Cantor“ nie auf. Dabei waren in der DDR die Publikums- und Kritikerreaktionen Ende der 1970er Jahre eher positiv gewesen.

Reed war mit Chile seit den 60er Jahren verbunden. Am Beginn seiner Karriere wer er in Lateinamerika als Rocksänger erfolgreich, war dort angeblich zeitweise beliebter als Elvis. Seine erste Auslandskonzertreise im März 1961 führte ihn nach Santiago de Chile, wo er nicht nur den Popstar gab, sondern auch die Augen offenhielt. Er selbst sagte später, diese Erfahrungen hätten ihn politisiert. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 1962 in Chile freundete sich Reed in Santiago mit dem sowjetischen Torwart Lew Jaschin an. Während der Druck US-amerikanischer Behörden auf den Sänger damit wuchs, fühlte der sich zunehmend zum sozialistischen Lager hingezogen.

1970 unterstützte Reed den Wahlkampf der Unidad Popular und Salvador Allendes in Chile. Von Allende wurde er mit Victor Jara bekannt gemacht. Aus Protest gegen die US-Politik wusch Reed vor dem US-Konsulat in Santiago symbolisch ein Sternenbanner und wurde verhaftet. Der Dichter Pablo Neruda setzte sich für seine Freilassung ein und beherbergte Reed in seinem Haus. Allende gewann die Wahlen, Reed nahm als Ehrengast an Allendes Amtseinführung teil.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Reed das kleine Land, in dem er als „der Mann aus Colorado“ berühmt werden sollte, noch nie gesehen: In die DDR kam er 1971, zeigte beim Leipziger Dokumentarfilmfestival einen Film über die Unidad Popular, verliebte sich in eine Deutsche – und blieb. Seine Karriere als Politsänger und DDR-Unterhaltungsexot nahm ohne Schwierigkeiten Fahrt auf.

In Chile putschte 1973 eine Militärjunta unter General Pinochet gegen die Unidad Popular. Salvador Allende, von Meuterern eingekreist, nahm sich im Präsidentenpalast das Leben. Victor Jara wurde verhaftet, gefoltert und wenige Tage nach dem Putsch umgebracht. Sein Leib war von 44 Kugeln durchbohrt. Dean Reeds damalige deutsche Frau erinnerte sich später, dass dieser mehrere Tage kaum ansprechbar gewesen sei, als ihn die Nachrichten aus Chile erreichten.

Sechs Jahre nach dem Dreh von „El Cantor“ in Bulgarien kehrte Reed 1983 nach Chile zurück. Nach zwei Konzerten vor Bergarbeitern in Rancagua und Studenten in Santiago, bei denen er die verbotene Unidad-Popular-Hymne „Venceremos“ sang, wurde er verhaftet. Später sagte Reed, dass ihn Santiagos legendärer Erzbischof Raúl Silva Henriquez, ein Pinochet-Gegner, zu einem Auftritt eingeladen hatte. Dazu kam es nicht, und die genauen Umstände von Reeds Freilassung liegen im Dunkeln. Laut Biograf Ernsting hatte die US-Botschaft sich für den US-Staatsbürger eingesetzt.

Am 12. Juni 1986 nahm sich Dean Reed im Alter von 47 Jahren am Zeuthener See bei Berlin offenbar das Leben. Die genauen Umstände sind ungeklärt. Seine Urne wurde zunächst auf dem Waldfriedhof Rauchfangswerder beigesetzt und 1991, auf Wunsch seiner Mutter, nach Boulder/Colorado umgebettet.

Ein Jahr zuvor war Chile von der Diktatur zur Demokratie zurückgekehrt. Das Estadio Chile, in dem Victor Jara 1973 ermordet worden war, trägt seit September 2003 seinen Namen. Gegen Beteiligte an dem Mord läuft ein Verfahren. Im Juni 2009 wurden Jaras sterbliche Überreste exhumiert, im Dezember unter großer öffentlicher Anteilnahme im Gebäude der Fundación Victor Jara in Santiago de Chile aufgebahrt und dann ein zweites Mal auf dem Zentralfriedhof begraben. Dieses Mal erwiesen tausende Chilenen „El Cantor“ die letzte Ehre.

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