Buchtipp: Der Komet

In der Fantasie von Hannes Stein ist der Erste Weltkrieg ausgefallen. Die Donau-Monarchie ist nicht untergegangen. Ein Teil der Wiener Ringstraße ist nach Franz II. benannt, der 1914 als Thronfolger in Sarajevo mit dem längst historisch gewordenen Ausspruch: „I bin doch net deppat, i fohr wieder z’haus“ seinen Attentätern entronnen war und zwei Jahre später den Thron bestieg.

 

Der österreichisch-ungarische Vielvölkerstaat lebt fort. Deutschland hat seine Ambitionen auf die Zivilisierung des Mondes gerichtet, die Entzivilisierung der Erde ist ausgefallen. Bis zum Kulminationspunkt, dem Einschlag eines Kometen, der auf den 11. September 2001 um 9.03 Uhr morgens vorausberechnet ist, surren Elektromobile durch die Josefstadt, beantwortet der gegenwärtige Monarch in Schönbrunn seine Elektropost am Klapprechner des k.u.k. Hoflieferanten Musil, Kraus & Kratochwil in Brünn, und besprechen im Café Central der Psychiater Dr. Wohlleben, Rabbi Brandeis und Kardinal Grausenburger geschichtsphilosophische Fragen.

In der Welt des Romans stirbt Stefan Zweig 1963 friedlich in Salzburg, statt sich im Exil das Leben zu nehmen.

Leo Trotzki macht sich in den Zwanzigerjahren als Verfasser wilder utopischer Zukunftsromane einen Namen.

Sigmund Freud hat Wien nie verlassen müssen und stirbt in der Berggasse.

Anne Frank wurde nicht ermordet, sondern erhält als vergnügte, weise Nörglerin den Nobelpreis für Literatur.

Die Hollywood-Elite – Exilanten oder deren Kinder – filmen in den Wiener Rosenhügelstudios in Hietzig, während aus Kansas oder Canada nur ein paar Kulturfilme kommen.

Albert Einstein liegt auf der Rückseite des – deutschen – Mondes begraben, im Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskrater, unter einem dunklen Molassestein aus seiner Heimatstadt Ulm, Inschrift: „Albert Einstein, 14. März 1879 – 18. April 1955, ,Gott würfelt nicht‘“, ein jüdischer Schwabe, Sinn- und Urbild des verschrobenen Genies, tiefgläubiger Agnostiker, Mitglied der preußischen und bayerischen Akademie der Wissenschaften, geliebt in seiner Heimat, bewundert auf der ganzen Welt bis zu seinem Tode.

Der tatsächliche Geschichtsverlauf bricht nur über Träume ein: Psychiater in Wien und im kaukasischen Vizekönigreich Grusinien berichten von Patienten, die Visionen plagen, deren Bild- und Symbolgehalt direkt dem faschistischen und stalinistischen Terror entstammt. In der Welt des Romans hatte es beide Zivilisationsbrüche nicht gegeben, kein größeres Verbrechen hatte sich seither in Europa ereignet als der Jakobinerterror der Französischen Revolution.

Die Geschichte lächelt, wenn auch um den Preis, dass sie neu erfunden wird.

Kursiv gesetzt sind Zitate aus dem Buch.

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