Buchtipp: Imperium

krachtMit süchtig machender Präzision zeichnet Christian Kracht ein putziges Bild des kaiserlichen Deutschen Schutzgebietes im Pazifik, Deutsch-Neuguinea. Es wirkt, als wäre es dem Kopf der Hauptfigur, eines Ziviliatisonsaussteigers und Kokosnussfanatikers, direkt entsprungen. 

Da legt ein Mann, Gouverneur Hahl, zur Entspannung eine Wagner-Platte auf und wird von einer Mücke gestochen. Bei Christian Kracht liest sich das so:

Er hatte eine Wachsplatte auf den Grammophonteller gelegt, die Nadel an seine Lieblingsstelle gesetzt, und während die ersten blechernen Takte von Wagners Ritt der Walküren durch den Salon gepurzelt waren, hatte er ein paarmal genießt, sich in die Serviette geschneuzt, dann die Glieder ausgestreckt und seine Krawatte gelockert, und just in diesem Moment war das Insekt durch den Türrahmen herangesummt, und, vom intensiven Geruch der aus den Hahlschen Poren austretenden Milchsäure (deren Ausdünstung durch den warmen Riesling begünstigt und verstärkt wurde) ganz kirre geworden, hatte die Mücke noch im Anflug die Proboscis ausgefahren, um, blind vor Gier, an des Gouverneurs sauber ausrasiertem Nacken anzulanden und ihn mit einem kathartischen, crescendohaften Biss zu penetrieren, bevor sie die erlösende Götterdämmerung der Hahlschen Handfläche erfahren hatte. Und so war das Schwarzwasserfieber in den Gouverneur gekommen.

So dramatisch Kracht die Trivialität eines Mückenstichs ausmalt (der freilich Folgen hat), so beiläufig handelt er Tragödien ab. Als etwa ein Anhänger der Hauptfigur, ein Mistkerl allerdings, unter Gewaltanwendung zu Tode kommt:

Und da Aueckens, der sich keine sechs Wochen im Schutzgebiet aufgehalten hatte, rasch und zeremonienlos drüben in Herbertshöhe beigesetzt und weder vermisst noch betrauert wurde, legte sich schon bald das Vergessen über den Umstand, dass unser Freund eventuell einen Mord begangen haben könnte.

Max Lützow, ein Geigen- und Klaviervirtuose, ehelicht die legendäre Geschäftsfrau „Queen Emmy“. Als er, trunken vor Glück, die Kolonie mit ihr verlassen will, erfüllt sich sein Schicksal so:

Lützow versucht, vom Dampfer „Jeddah“ auf das Reichspostschiff „Prinz Waldemar“ zu springen, die beide am Quai von Rabaul vor Anker liegen – äußerst leichtsinnig, zwei gefüllte Champagnergläser wie ein Oberkellner balancierend, dabei nach hinten, Jeddahwärts schauend, brennende Zigarette im Mundwinkel, irgendein Bonmot ausrufend, so gleitet Lützow ab und wird im Wasser zwischen den Schiffen zermalmt.

Als Erklärung, warum Engelhardt sich mit Lepra infiziert, erfindet Kracht einen Ansteckungsherd ausgerechnet irgendwo innerhalb der Quinte zwischen den C- und G-Tasten des Lützowschen Klaviers.

Kracht lässt die Lepra seines Helden verheilen. Der historische August Engelhardt war 1919 gestorben. Im Roman überlebt er den zweiten Weltkrieg.  Ein Trupp US-Soldaten greift ihn auf dem Eiland Kolombangara auf. In den US-Boys, die ihn noch ein zuckriges Gesöff trinken lassen, begegnet Engelhardt den Vertretern eines neuen „Imperiums“.

Kursiv gesetzt sind Zitate aus dem Buch.

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