Buchtipp: Roman eines Schicksallosen

kerteszVon Rechtfertigungen und Erklärungen ist die Welt übervoll. Da erzielt der „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertesz eine beunruhigende Wirkung. Ein ungarischer Jude wird 1944 nach Auschwitz deportiert – und erlebt staunend eine Reise, die er nicht versteht, weil womöglich gar nichts  zu verstehen ist.

Ich muss einsehen, dass ich gewisse Dinge nie zu erklären vermag, auf keine Weise, nicht, wenn ich sie von meiner Erwartung, von den Regeln, der Vernunft – im ganzen also vom Leben und der allgemeinen Ordnung her betrachte, soweit ich sie kenne, zumindest.

Der Schüler György Köves, genannt Gyurka, der die Geschichte erzählt, hat sich vom Klassenlehrer freigeben lassen. Er müsse seinem Vater adieu sagen, dessen Geschäfte der Herr Sütö übernehmen würde, Herr Sütö trägt nämlich, da bei ihm in rassischer Hinsicht alles in bester Ordnung ist, keinen gelben Stern. Onkel Vili, ein Journalist, sagt: Es werde alles nicht so schlimm. Der Abschied zieht sich hin, und da ich für meinen Vater sonst nichts tun konnte, ist mir langweilig geworden.

Zwei Monate später, in den Ferien, eine kuriose Geschichte. Gyurka, der in Budapest lebt, ist jetzt Shell-Hilfsarbeiter auf der Insel Csepel. Da wird der Schichtbus eines Morgens angehalten. Erster Verdacht: die Polizei sei nur übereifrig. Aber bald geht es auch eine Nuance weniger herzlich zu. Rückkehr aller Arbeiter unter Wachen nach Budapest, Gendarmerie übernimmt. Ein Oberleutnant Szakál beschimpft die Gefangenen, als die Gyurka sich und seine Schicksalsgenossen erst jetzt überhaupt wahrnimmt: jüdisches Gesindel.

In Haft in der Ziegelei von Budakalász wird über die Deutschen geredet. Es bekannten sich zahlreiche, und zwar vor allem ältere Leute, die schon über Erfahrungen verfügten, zu der Ansicht, die Deutschen seien, was immer ihre Auffassung von den Juden sein möge, im Grunde genommen – wie das im übrigen jedermann wisse – saubere, anständige Menschen, die Ordnung, Pünktlichkeit und Arbeit liebten und es auch bei anderen zu ehren wüßten, wenn sie bei ihnen die gleichen Eigenschaften feststellten.

Ein Rabbi sagt: Hadert nicht mit dem Herrn! und spricht vom hohen Sinn des Lebens.

Gyurka findet sich in einem Zug wieder, als Ziel wird Waldsee genannt. Den Passagieren nehmen ungarische Grenzposten die Wertsachen ab: Da wo ihr hingeht, werdet ihr keine Wertsachen mehr brauchen.

Der Zug wartet oft, manchmal gibt es Fliegeralarm. Einmal wacht der Junge auf, schaut aus dem Fenster, liest Auschwitz-Birkenau. Und schläft wieder ein.

Die Ankunft im Lager beschreibt Gyurka als verrückten Wirbel. Von jiddisch sprechenden Menschen wird ihm zugeraunt, er solle unbedingt sagen, dass er sechzehn sei. Gyurka erblickt die berühmten SSler. Ausrufe tun kund, es würden Zwillinge gesucht. Ein Kind weint: Ich will mit Papa gehen! Ich will mit Papa gehen!

Schlangestehen beim Arzt. Die Tauglichen zum Badehaus, Moskovics aus dem Bus wird hingegen weggeschickt. Für Gyurka geht es immer weiter, durch immer neue Höfe, zu immer neuen Toren, Hecken und Zäunen aus Draht; ein sich öffnendes und schließendes System, das zuletzt vor meinen Augen zu verschwimmen und verwirrend durcheinanderzugeraten begann.

Und über allem liegt ein süßlicher Geruch.

Der Blockkommandant war vier Jahre hier. Vor gleicher Zeit, überlegt Gyurka, war er ans Gymnasium gekommen. In Budapest hatte der Direktor gesagt: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Dann hätte ich jedoch, das war meine Ansicht, die ganze Zeit ausschließlich für Auschwitz lernen müssen.

In der Schule fiel davon kein Wort. Es gehörte, zugegeben, nicht zur Allgemeinbildung. Erst hier, unter dem Schornstein, musste Gyurka sich belehren lassen, dass er sich in einem Konzentrationslager befand.

Aber auch die seien nicht alle gleich, so wurde erklärt. Das hier zum Beispiel sei ein Vernichtungslager, erfuhr ich.

Vier Tage nach seiner Ankunft in Auschwitz wird Gyurka erneut in einen Zug verfrachtet. Es geht nach Buchenwald, immerhin ein vielversprechender Name.

Eine ausgezeichnete Landstraße hangaufwärts. Gemäßigte, ja, ich darf sagen liebliche Proportionen im Vergleich zu Auschwitz. Das Wasser wärmer, die Friseure umsichtiger, die Häftlinge größtenteils freundlich. Nahebei eine bildungsmäßig gesehen namhafte Stadt, Weimar, deren Ruhm zu Hause auch schon Lernstoff gewesen war. Goethe, Der Erlkönig. „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind.“

Wenig herzlicher Empfang: Soldaten öffnen die Türen. Befehle, Eile, Geschwindigkeit, korrekte Genauigkeit.

Eine Nachtfahrt mit dem Güterzug von Buchenwald entfernt liegt das KZ Zeitz, die nächste Station dieser Odyssee des Grauens. Hier kommt Gyurka dahinter, dass echte Gefangenschaft aus grauem Alltag besteht.

Mit gutem Willen will er ein guter Häftling werden. Gyurka will sich an die Gefangenschaft gewöhnen, nur dass sie einem dafür zuwenig Zeit lassen, ganz einfach.

Die Hauptsache ist, sich nicht gehenzulassen: irgendwie wird es schon werden, denn es ist noch nie vorgekommen, dass es nicht irgendwie doch geworden wäre.

Schläge, Razzien, Arbeitsfolter, Elend und Tod um ihn herum. Dazu die Krätze, sein eigener Verfall: Täglich wurde ich von etwas Neuem überrascht, von einem neuen Makel, einer neuen Scheußlichkeit an diesem immer merkwürdiger, immer fremder werdenden Gegenstand, der einst mein guter Freund: mein Körper gewesen war.

Die Wahrnehmung allerdings funktioniere eben nicht so, wie ich es dann nachträglich, wenn ich darüber nachdachte – zusammenfassen, gewissermaßen vor mir abrollen lassen konnte, sondern nur Stufe um Stufe und indem ich mich an jede Stufe immer wieder einzeln gewöhnte – und so habe ich dann eigentlich doch nichts wahrgenommen.

Im Krankenrevier. Erst Zeitz, dann Buchenwald. Dunkle Ahnungen. In Auschwitz hatte er von einem Ort gehört, wo die Pfleglinge bei Milch und Butter gehalten werden, bis man ihnen – zum Beispiel – Stück für Stück sämtliche Eingeweide herausnimmt, zwecks Weiterbildung, zum Wohle der Wissenschaft. War das ausgeschlossen? Warum sollte es?

Wer könnte schon beurteilen, was möglich und was glaubhaft ist, wer könnte das ermessen, wer könnte all den unzähligen, verschiedenerlei Einfällen, Erfindungen, Spielen, Scherzen und ernsthaften Überlegungen nachgehen, die in einem Konzentrationslager allesamt ausführbar, machbar sind, sich spielend aus dem Reich der Phantasie in die Wirklichkeit überführen lassen – wer könnte das, selbst wenn er sein ganzes Wissen zusammennähme. Was ihm, dem Gefangenen, einfiele, fiele gewiss auch einem Zuständigeren ein.

Eines Tages kommen Flugzeuge. Das Krematorium wird abgestellt. Ein aufregender Tag, alles in allem, aber die Küche funktionierte bis zuletzt ordnungsgemäß, und auch der Arzt war zumeist pünktlich. Durchsagen im Lagerfunk verkünden in vielen Sprachen: Wir sind frei.

György Köves kehrt zurück nach Budapest, eine Heimkehr wird es nicht. Ob es wirklich Gaskammern gegeben habe, fragt ihn eine Unterwegsbekanntschaft. Und die Zurückgebliebenen: Opfer, weil doch alles über sie gekommen sei:

Ihr Bericht gab mir den Eindruck eines wirren, verwickelten und nicht nachvollziehbaren Geschehens von nebelhaften Umrissen, die eigentlich nichts so recht erkennen und verstehen ließen. Es war mehr die häufige, fast schon ermüdende Wiederholung eines Wortes, was mir an ihrer Litanei auffiel, ein Wort, mit dem sie jede neue Wende, jede Veränderung, jede Bewegung bezeichneten: so ‚kamen‘ zum Beispiel die Judensternhäuser, ,kam‘ der fünfzehnte Oktober, ,kamen‘ die Pfeilkreuzler, ,kam‘ das Ghetto, ,kam‘ die Sache am Donau-Ufer, ,kam‘ die Befreiung. Nun, und dann war da der übliche Fehler: als hätte dieses ganze verwischte, in Wirklichkeit unvorstellbar erscheinende und auch in den Einzelheiten – so wie ich sah – für sie nicht mehr vollständig nachvollziehbare Geschehen nicht in der gewohnten Abfolge von Minuten, Stunden, Tagen, Wochen und Monaten stattgefunden, sondern gewissermaßen auf einmal, irgendwie in einem einzigen Wirbel, Taumel, etwa auf so einer merkwürdigen, unerwartet in eine Ausschweifung ausartenden Nachmittagsgesellschaft, wo die Teilnehmer – weiß Gott warum – plötzlich alle aus dem Häuschen geraten und zuletzt überhaupt nicht mehr wissen, was sie tun.

Ihnen hält der Überlebende entgegen: Nichts „kam“ nur so, wir sind auch gegangen.

Kursiv gesetzt sind Zitate aus dem erwähnten Buch.

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