Reflexive Distanz der Presse ermöglicht ihr Überleben

„Die Fixierung der Diskussion über die Zukunft der Printmedien auf die Konkurrenz mit den digitalen Medien hat einen großen Nachteil: Das Nachdenken über die Konkurrenz entbindet die Zeitung von der Reflexion auf sich selbst. Es ist, als habe man in den papiergebundenen Zeitungen in den vergangenen zwanzig Jahren keine hausgemachten Irrtümer begangen.“

Das Thema „Zukunft der Zeitung“ behandeln Lothar Müller und Thomas Steinfeld in einem „Merkur“-Artikel vom Dezember 2013. Die Autoren kommen von der „Süddeutschen Zeitung“. These: Der Schlüssel zum Überleben einer Zeitung liegt darin, wie sie ihren Charakter als Spezialistin für reflexive Distanz bewahrt.

Adressat der Zeitung ist immer ein Kollektivsubjekt: die Gesellschaft. Sie zerfällt in Milieus und Gruppen, ihre Subjekte werden sich weder alle kennen noch je auf einem Platz begegnen. Dennoch kann sich die Gesellschaft über sich selbst verständigen. Die Zeitungen haben seit dem 17. Jahrhundert, sich vorarbeitend von den Haupt- und Staatsaktionen zum Alltag, von der Weltberichterstattung zum Lokalen, ihre im physischen Raum verstreuten Leser in Zeitgenossen verwandelt, in regionaler wie überregionaler Verbreitung, in einer dicht gestaffelten Überlappung von Erfahrungsräumen und Ereignishorizonten. Ohne dass sich Menschen als Zeitgenossen verstehen, lässt sich die Gesellschaft nicht denken.

Auf die Funktion, Zeitgenossenschaft herzustellen, sind die Parameter der Zeitung ausgerichtet. Das broadsheet, die physische Größe der Zeitung, hat eine symbolische Dimension. Unpraktisch war das Raumgreifende schon immer. Es geht der Zeitung um temporale und stoffliche Abgeschlossenheit, wo das Internet keine einheitliche Ordnung kennt, allenfalls Schichten oder Skalen möglicher Ordnungen. Die physische Ordnung der Zeitung (Bücher, Spalten, Überschriften) existiert, bevor die erste Zeile geschrieben wird. Durch die Rahmung wird aus unendlich vielen Ereignissen und Gegenständen die Ordnung eines Tages, werden unstrukturierte Nachrichten, diffuse Reaktionen und undeutlich ausgedrücktes gesellschaftliches Wollen in etwas für alle sichtbar Existierendes und Geordnetes verwandelt, was ein gewisses Maß an Fiktivität stets einschließt.

Dabei ist die Allgemeinheit immer schon partikular, die Zeitung elitär. Weniger als zehn Prozent aller Bürger sind überhaupt auf eine überregionale, Wochen- oder anspruchsvolle regionale Tageszeitung abonniert. Die Zeitung ist elitär, nicht obwohl, sondern weil sie einen Anspruch auf Allgemeinheit erhebt. Dennoch muss sich die Zeitung als repräsentativ verstehen, um den festen Rahmen zu schaffen, in dem jede wichtige, neu hinzukommende Nachricht verhandelt wird. Auf die Nachricht selbst kann sie nicht verzichten: Sie teilt eben nicht nur das aktuell Wichtige mit, sondern schafft auch das Wichtige, indem sie es mitteilt.

Der Prozess setzt auf der Seite der Empfänger, der Leser, Vertrauen in die Autorität des Blattes voraus. Den Status als allen Ereignissen übergeordnete Autorität zu erlangen, ist die am schwersten erreichbare von allen Qualitäten, die eine Zeitung besitzen kann. Es gibt nur eine Art, Autorität zu erwerben: durch Wissen, Klugheit, Verlässlichkeit, durch freie, begründete Urteile, die der Diskussion unterworfen werden und bei denen Wiederholungen nicht schaden. „Scoops“ und originelle Ideen können die Autorität stützen, aber nicht garantieren. Eine solche Autorität kann nur über Jahre oder Jahrzehnte aufgebaut werden. Auch bei Jüngeren, selbst wenn sie digitale Medien stärker nutzen, nimmt die überlegene Autorität der Zeitung nicht ab, und ins Internet ist sie bis jetzt nicht übertragbar, selbst nicht bei der „New York Times“.

Müller und Steinfeld ziehen das Fazit: Die Zeitungen werden gegenüber den digitalen Medien vermutlich weiter verlieren – und zwar in den Bereichen, in denen die Bindung an das Papier keinen Gewinn darstellt, in denen also auf der einen Seite Ordnung, Konzentration und Gradierung wenig nutzen und in denen es auf der anderen Seite scheinbar nicht auf Autorität ankommt. Das betreffe vor allem das Vermischte und special interest wie Mode, Auto, Küche. Zeitungen blieben aber das Schlüsselmedium der Öffentlichkeit. Dafür brauchten sie ein ikonografisches Verhältnis zu sich selbst und, zur Verteidigung ihrer Autorität – Qualität, Qualität, Qualität.

Weitere Thesen für die Zeitungspraxis:

  • Schnelligkeit ist nicht mehr das letzte und entscheidende Kriterium in der Konkurrenz der Medien. Die Konkurrenz mit schnelleren Kanälen ist für die Zeitung ohnehin nichts Neues, man denke an Radio und TV. Nun gebe es aber, wegen der sozialen Medien, zwischen Nachricht und Ereignis keine Spanne mehr. Nachrichtenagenturen verlieren ihr Monopol. Die Zeitung werde zum Echohof des Livestreams, sie streckt, dehnt, konzentriert die von Ereigniskernen ausgehenden Reflexionsimpulse im Staccato ihres Erscheinungsrhythmus über Tage, manchmal über Wochen hinweg. Ihr Zeitklima ist ein In- und Durcheinander verschiedener Aktualitätsstufen. Insbesondere Sportjournalisten sind Virtuosen der journalistischen Bewirtschaftung ihrer Verspätung geworden. Für Nachrichtenredakteure heißt das: An Stelle der rein faktischen Form, die auf andere (digitale) Medien übergeht, tritt in der Zeitung die andere, reflexive und analytische Form.
  • Als vierte Gewalt möge sich die Zeitung nicht verstehen, weil Öffentlichkeit nur in Distanz zu allen anderen Instanzen des Gemeinwesens entsteht. Sie ist allen Institutionen ein reflexives Gegenüber.
  • Dass im Verhältnis Print/Online die Effekte von Konkurrenz und Verdrängung so hervorgehoben werden, ist ein Erbteil der Medientheorien des 20. Jahrhunderts. Mit der Verbreitung des Radios verschwanden die Extrablätter, Radio und Fernsehen riefen aber auch neue Zeitschriftentypen auf den Markt. Heute passiere dasselbe: Werbefinanzierte Onlinemagazine im Internet vernetzen, was in den Zeitungen steht, und verwandeln Rezensionen oder anderen Stoff aus gedruckten Zeitungen in synoptisch angeordnete Extrakte. In Tageszeitungen liegen Hochglanzmagazine bei, statt am Kiosk auszuliegen.
  • Die Verbindung zwischen Reklame und Öffentlichkeit ist für die Zeitung existenziell, ihr niedriger Preis ist daran geknüpft. Aber die Zeitung schafft erst die Öffentlichkeit und den Markt. Denn die Zeitung teilt ja nicht nur etwas mit, weil es wichtig ist, sondern sie macht auch etwas wichtig, weil es mitgeteilt wird, was sie nicht nur medientechnisch in eine Verwandtschaft zur Reklame rückt.
  • Links und QR-Codes komplettieren einerseits die Zeitungslektüre – aber unterbrechen sie auch. Eine Verknüpfung öffnet nicht ein Fenster in der gedruckten Seite selbst, sondern stellt ihr ein weiteres Medium an die Seite, das ebenfalls an Auge und Hand des Lesers adressiert ist. Links sind ein Ausdruck des Gefühls der Unterlegenheit in der papiergebundenen Zeitung. Ein Link schwächt die „Autorität“ und gefährdet die Verweildauer. Die Überschneidungen zwischen den Nutzern der drei Darreichungsformen der Zeitung (Print, Ausgabe fürs Lesegerät, Internet) sind ohnedies gering.
  • Auch „online“ wird sich weiterentwickeln. Die gedruckte Zeitung muss die Höhe ihrer Preise rechtfertigen, aber nicht mühsam erkämpfen, dass sie überhaupt etwas kostet. Kostenlose Zeitungen haben meist eine geringere Autorität. Schnell sind alle, knapp sind die gute Geschichte, die medial perfekt inszenierte Reportage, die brillante Glosse. Das knappe Gut heißt auch hier: Autorität.

Zum Originalartikel.

Kursiv gesetzt sind Zitate aus dem erwähnten Artikel.

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