Dresden und die Shoa

Fundstücke in der Ausstellung „Schuhe von Toten. Dresden und die Shoa“, Militärhistorisches Museum, im Februar 2014:

  • ein Judenstern und eine Kennkarte (1941)
  • ein Werksfilm der Zeiss Ikon AG über ein „Judenlager“ (1942)
  • ein gefährlicher Eintrag im Gipfelbuch vom Frienstein (1942)
  • ein Luftpostbrief mit Stempel „RETURN TO SENDER“ (1942)
  • eine Deportationsliste (1943)
  • eine erschütternde Postkarte (1943)
  • eine DRK-Nachricht (1943)
  • zwei Aquarelle eines Verzweifelten (1943)
  • eine Tagebuchseite von Victor Klemperer (1945)
  • eine Oscar-Statue (1958)
  • eine Bogenhanf-Zimmerpflanze (2010).

Was im Einzelnen dahintersteckt: Der Judenstern und die Kennkarte, der reichsweite Inlandsausweis, gehören dem Jungen Heinz-Joachim Aris. Der Stern muss ab September 1941 öffentlich getragen werden. Den Ausweis mit dem „J“-Zeichen stecken die Nazis schon fünfjährigen jüdischen Kindern zu. Als Dresden im Februar 1945 bombardiert wird, reißt Aris den Stern ab und taucht unter.

Der Werksfilm der Zeiss Ikon AG dokumentiert das „Judenlager Hellerberg“. Am Stadtrand werden im November 279 Dresdner Juden interniert. Sie müssen Miete an Zeiss Ikon zahlen und Zwangsarbeit leisten. Am 3. März 1943 werden die Insassen nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Der Filmausschnitt zeigt eine Frau, die einem Kind beim Auskleiden für die „Entseuchung“ hilft. Das Kind sträubt sich und fällt rittlings auf den Hosenboden. Die Frau ist Eva Weiss, 21 Jahre alt. Mit ihrer Mutter Klara stirbt sie in Auschwitz. Gemeinsam stürzen sie sich in den Elektrozaun.

Ins Gipfelbuch vom Frienstein in der Sächsischen Schweiz trägt sich am 30. August 1942 die Dresdner Jüdin Ilse Frischmann ein. Die leidenschaftliche Bergsteigerin verbirgt den Judenstern und ignoriert Ausgehverbote, um klettern zu können. Vertrauenswürdige Bergfreunde helfen ihr. Bis 1942 schreibt Ilse Frischmann ihren Namen in die Gipfelbücher. Schwerkrank überlebt sie in Auschwitz. Als der Krieg zu Ende ist, kehrt sie nach Dresden zurück.

Der US-Luftpostbrief an Ruth Goldschmidt war von Verwandten aus dem sicheren Exil in das französische Internierungslager Gurs geschickt worden. „Written in German language“, steht auf dem Kuvert. Die Dresdnerin Ruth Weinberg hatte den deutschen Geschäftsmann Wolfgang Goldschmidt geheiratet und lebte mit ihm in Brüssel. Als die Deutschen Belgien annektieren, lässt Goldschmidt sich von seiner Frau scheiden. Sie flieht über die Grenze und wird in Nordfrankreich aufgegriffen. In Gurs befindet sich das größte Lager für Strafgefangene, politische Flüchtlinge und Juden in Frankreich. Das Rote Kreuz der USA ermöglicht einen spärlichen Briefkontakt mit Angehörigen, die sich um ein Visum für Ruth Goldschmidt bemühen. Die Post ist drei bis fünf Monate unterwegs. Als das Visum nach zwei Jahren erteilt wird, erreicht der Brief die Adressatin in Gurs nicht mehr. Ruth Goldschmidt ist nach Auschwitz deportiert worden. Im Vernichtungslager wird sie umgebracht. Der Luftpostbrief erhält den Stempel „RETURN TO SENDER“ – zurück zum Absender.

Die Deportationsliste, betitelt „Ostabwanderung“, stammt vom 3. März 1943. Sie enthält die Namen von 293 Dresdner Bürgern, alphabetisch geordnet auf 16 Seiten, sauber mit Schreibmaschine getippt. Der erste Name lautet ALTMANN Berthold Isr., geboren 28.10.1882 in Graudenz (Westpreußen), D.R. (Deutsches Reich), Möbelverkäufer. Hinter manchen Namen steht in der Liste „Protektorat“ oder „staatenlos“, mit dem Zusatz „früher Türkei“ oder „früher Polen“. Jedem Männernamen ist „Isr.“ für „Israel“, jedem Frauennamen „S.“ für „Sara“ angefügt. Im Katalog zur Ausstellung sind mehr Seiten abgedruckt, darunter Seite 15 mit dem Eintrag Eva Sara Weiss, geboren am 28. Juli 1921 in Dresden, D.R., Schneiderin (siehe Werksfilm der Zeiss Ikon AG).

Die Postkarte, mit einer Hitlermarke zu 6 Pfennigen beklebt, wird 1943 der Frau Elsa Chotzen in Berlin zugestellt. Ihre Söhne Ulli und Bubi unterrichten die Mutter, dass sie mit ihren Ehefrauen Ruth und Lisa nach Theresienstadt deportiert werden. Der
Zug kommt aus Berlin, vom Anhalter Bahnhof. In Dresden wird die Karte aus dem Zug geworfen. Jemand nimmt sie an sich und bringt sie zum Briefkasten. Sie wird heute in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz aufbewahrt. Nur Ruth überlebt die Deportation.

Die DRK-Nachricht ist ein Formblatt im Format A5, oben steht „Antrag auf Nachrichtenübermittlung“, aufgedruckt ist die Vorschrift: „Höchstens 25 Worte!“ Über den DRK-Auslandsdienst am Blücherplatz 2 in Berlin schreiben David und Charlotte Rubin an ihre Tochter Gisela, die 1939 mit den „Kindertransporten“ per Schiff nach Großbritannien evakuiert worden ist. Die Eltern haben keine Hoffnung mehr: „Werden nicht länger schreiben.“ Es bleibt ihre letzte Nachricht. Als Deutschland Großbritannien den Krieg erklärt, wird Gisela von den Briten auf der Isle of Man interniert. Nach dem Krieg emigriert sie in die USA, wo sie 2008 verstirbt.

Die zwei Aquarelle hat der Maler und Grafiker Bruno Gimpel geschaffen, dem die gewerbsmäßige Ausübung seiner Kunst seit 1935 verboten ist. Er sorgt fortan für jüdische Kinder. Das Aquarell von 1938 heißt „Im jüdischen Kinderheim in
Porschendorf“. Auf dem zweiten Bild, so wird angenommen, ist der jüdische Friedhof an der Pulsnitzer Straße in der Dresdner Neustadt zu sehen. Das Aquarell stammt von 1943 und ist Bruno Gimpels letztes Bild. Am 28. April 1943 nimmt sich der Verzweifelte das Leben.

Zwei Tagebuchseiten von Victor Klemperer zeigen Einträge vom 18. und 20. Januar 1945. Klemperer schreibt klein und eng auf Seiten im Format A5. Fast 60 Zeilen, 900 Worte passen auf eine Seite A5. Die Schrift ist nicht höher als drei bis vier
Millimeter. Einige Begriffe sind rot unter-, einige Zeilen blau angestrichen. Das Original liegt in der Sächsischen Landesbibliothek. Klemperers Tagebuch „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ ist seit den 1990er Jahren weltberühmt.

Die Oscar-Statue kommt aus dem Besitz der Dresdner Jüdin Hannelore Hahn, die aus Hitlerdeutschland fliehen kann. Sie heiratet den US-Dokumentarfilmer Louis Clyde Stoumen, der für den Film „Civil Wars“ 1958 den Oscar erhält. Stoumen wird ein zweites Mal ausgezeichnet, für „Black Fox: Aufstieg und Fall Adolf Hitlers“. Hannelore Hahn, Jahrgang 1926, hat Hitler in Dresden selbst gesehen. Hochbetagt lebt sie heute in New York.

Die Mutterpflanze des Bogenhanfs bringt der Emigrant Ludwig Staub 1938 nach New York. Staubs Tochter vermacht einen Ableger ihrer Tochter, Staubs Enkelin Mara Ann Thorson, die 2010 nach Deutschland geht, um ihre Familiengeschichte zu ergründen. Sie lebt heute in Sachsen.

Schuhe von Toten. Dresden und die Shoa. Ausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden vom 24. Januar bis 25. März 2014. Katalog herausgegeben von Gorch Pieken und Matthias Rogg im Sandstein Verlag, Dresden 2014.

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