Ein Auswanderer: Horst Welkers Lebensreise

Horst Christoph Welker stammt aus der Chemnitzer Gegend und lebt heute in Chile. Er hat viele der höchsten Berge der Welt bestiegen und ist acht Mal durch den Panamakanal gefahren. Er war in Lappland und in Colorado daheim. Nach Sachsen zieht es ihn immer wieder zurück. 


Ein einziges Schiff kreuzt heutzutage auf dem riesigen Lago Llanquihue, der anderthalb Mal soviel Fläche bedeckt wie der Bodensee, als zweitgrößter See des Landes Chile. Die „Capitan Haase“ ist der Nachbau eines Seglers, wie sie deutsche Einwanderer ab 1850 benutzten, die am Ufer des Llanquihue-Sees sesshaft wurden. „In den 1930er-Jahren war hier alles voller Schiffe“, erzählt Horst Christoph Welker, ein später Nachkomme jener Auswanderer.

Horst Welker gehört hier ein guter halber Hektar Land. Vom Grundstück aus kann er fünf Vulkane sehen. Mit 65 kam er her, Mitte 2014 ist er 77 Jahre alt.„Schön, dass Horst noch einmal sesshaft geworden ist“, sagt Ute Richter, Mitinhaberin der Waldgaststätte „Höllmühle“ in Chursdorf, wo Horst Welker regelmäßig einkehrt, wenn er Deutschland besucht. Im Gastraum zeigen Fotos einige der schönsten Berge der Welt, die Fotos stammen von ihm.

Ein Schiff, die Berge, das Leben in der Fremde – das sind die Koordinaten eines Lebens, das vor dem Zweiten Weltkrieg in Penig begann. Das Leben eines Weltenbummlers und Gipfelstürmers, der seine Wurzeln nie vergessen hat.

Horst Welker kommt am Neujahrstag 1937 zur Welt, sein Geburtshaus steht in der Lunzenauer Straße. Seine Eltern, erzählt er, waren einfache Leute, die in den beiden großen Peniger Fabriken ihr Auskommen hatten: Der Vater, der aus Oberhain stammte, arbeitete in der Peniger Papierfabrik, PP. Die Mutter gab in der Peniger Maschinenfabrik, PM, das Essen aus. Nach dem Schulbesuch in Penig wird Horst zum Modelltischler ausgebildet, drei Jahre lang in der Maschinenfabrik. Freie Zeit verbringt er häufig bei Verwandten in der Sächsischen Schweiz. „Ich war wohl eher ein Einzelgänger“, erzählt Horst Welker, „mehr im Wald beim Zeichnen, als mit den anderen beim Tanzen“.

Horst liebt Sport und tritt dem Peniger Skiklub bei. Jede Woche im Wechsel fährt ein Bus der PP oder der PM nach Oberwiesenthal. Später, nach Gründung der DDR, kommt Wassersport hinzu. Die Angehörigen der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) üben auf dem Höllmühlenteich. 1955 verlässt Horst Welker die DDR in Richtung Westen. Er sei unzufrieden gewesen, sagt er heute, sechzig Jahre später, als andere Lebensentscheidungen in seiner Erinnerung diese eine längst zu überlagern scheinen. Er habe sich im Sport gegängelt gefühlt. Bei einer Berlin-Reise sei er zu Unrecht verdächtigt worden, das Land verlassen zu wollen. Irgendwann habe es gereicht.

Ein Freund hilft ihm, in Dortmund Fuß zu fassen. Nach zwei Jahren nutzt er ein Jobangebot aus der Schweiz, um dort als Modellschreiner zu arbeiten. 15 Jahre lebt er im Land der Eidgenossen. Er gründet eine Familie, zieht mehrfach um, lebt mal in Zürich, mal in Zermatt, zuletzt in Luzern. Und lernt die Schweizer Berge lieben.

„Klettern zu können war mein wichtigster Grund, überhaupt in die Schweiz zu gehen“, erzählt Welker. Er tritt einem Bergsteigerklub bei, lernt das Klettern von der Pike auf. „In den Alpen habe ich über die Jahre alle Viertausender erklommen. Mehr als 60 Bergtouren, alle auf schweren und schwersten Routen.“

Mit dabei: eine Voigtländer-Kamera, einfache Ausführung, ohne Wechselobjektiv. Die Freundschaft zu dem Schweizer Willi Burkhardt hatte Welkers Interesse für die Bergfotografie geweckt. Er erweist sich als talentiert, tauscht die Voigtländer gegen eine Nikon samt Objektivsatz, bestückt Bergbücher und Bergsteigerkalender mit seinen Bildern. Der Peniger Junge ist in der Alpinistenszene angekommen. Seine Ehe in der Schweiz geht in die Brüche. „Es lag wohl am Klettern“, denkt Horst Welker. „Man ist zu oft weg.“

In Lappland wird ein Möbeltischler gesucht. Der Schwager eines Freundes lebt damals in Schweden und macht Horst Welker auf das Zeitungsinserat aufmerksam. Welker sagt heute: „Ich hatte oft Glück im Leben und habe zur rechten Zeit die richtigen Leute getroffen.“

In Östersund im Süden Lapplands lernt der Weltenbummler einen Schweizer Schiffskoch kennen. Die nächsten drei Jahre fährt Welker zur See, als Schiffszimmermann auf dem schwedischen Handelsschiff „MS Bolivia“. Achtmal durchquert er den Panamakanal. Die „Bolivia“ bringt Maschinen, Autos und Container in die Karibik und nach Südamerika, kehrt mit Baumwolle und Kaffee für Antwerpen, Rostock, Hamburg, Gdynia, Schweden oder Finnland zurück. Eine Tätowierung an der linken Hand erinnert daran. Drei Punkte, wie die schwedischen drei Kronen gestochen, aus einer Zeit, als Tätowierungen noch keine Allerweltsmode sind.

Horst Welker kehrt mit Anfang 40 nach Deutschland zurück und fängt bei Neoplan in Stuttgart an, damals einer der Marktführer bei Bussen in der Welt mit Werken in China und in Afrika. Neoplan wagt 1981 den Sprung in die USA, baut eine neue Fabrik in Lamar im Südosten Colorados, und Welker ist dabei. Er habe das rechte Alter dafür, heißt es, seinen eigenen Befürchtungen zum Trotz. Neoplan setzt sich mit modernen Linienbussen an die Spitze des US-Markts (später der Niedergang, 2006 wird die Fertigung eingestellt).

Horst Welker bleibt ein Jahr,dann kehrt er nach Stuttgart zurück. Für 25 Jahre bis zur Rente. Als Schreiner im Messebau bereichert er seine mentale Landkarte nun um die deutschen Messestädte – Nürnberg, Hannover, Dortmund, Leipzig, Düsseldorf.

In Penig bei Chemnitz lebt der Rentner Fredo Pinkert, 79 Jahre alt. Dessen zwei Jahre jüngerer Bruder war vor siebzig Jahren Welkers Klassenkamerad. Fredo Pinkert hatte wie Horst Welker in der Tischlerei der PM gelernt und gehört zum Netzwerk des Weltenbummlers, das ihn über Peniger Aktualitäten informiert. Ein Ritual ist der sonntägliche Telefonanruf, erzählt Pinkert: „Ich wähle eine Vorwahl, der Anruf kostet 2,5 Cent pro Minute, und Horst in Chile ist dran. Er will die Fußballergebnisse vom Wochenende wissen. Dann analysiert er los, gleich die neue Tabelle, sodass ich mir angewöhnt habe, mich ein bisschen vorzubereiten. Wenn er hier ist, sehen wir uns, gehen in die ,Höllmühle‘ zusammen. Das ist immer sehr angenehm.“

Sein Patagonien, sagt Horst Welker, sei „so wie die Schweiz mit großen Seen“. Der Gipfelstürmer stand auf dem Kilimandscharo in Afrika und auf dem Mount McKinley in Alaska, kletterte drei Mal im Himalaya. Und er hat viele Berge in den Anden bezwungen, den Aconcagua, den Illimani, den Chimborazo, auch seinen persönlichen „Traumberg“: den Alpamayo in Peru. Mit 62 noch stand er auf dem Huascarán, 6768 Meter hoch, „und das Beste war, ich hätte 1000 Meter höher steigen können.“

In Peru traf er einen Österreicher, der sagte ihm, er müsse den Osorno sehen, einen bildschönen chilenischen Vulkan, der sich über den Lago Llanquihue erhebt. In einer Berghütte am Osorno traf er Ruth. Sie ist heute seine Frau. Seit 15 Jahren lebt Horst Welker in Chile. Er ist ein gern gesehener Gast in Deutschland, besucht seine Schwester in Neukirchen, nimmt in Penig an Klassentreffen teil. In der Reitzenhainer Straße in Penig sucht er das Haus, wo er mit den Eltern lebte, klopft an und erzählt seine Geschichte. Ute Richter von der „Höllmühle“ sagt, dass Horst gelegentlich aus Chile eine Karte schreibt. Jetzt hat er sie mit seiner Frau besucht, auch Fredo Pinkert war dabei.

Hat er Ruhe gefunden? Sein Herz sei geteilt, sagt Horst Welker, bevor er weiter muss. Er liebe Chile, die südliche Landschaft. Deutschland aber, Penig, trage er im Herzen.

Freunde und Idole Horst Welkers

Der Schweizer Panoramafotograf Willi P. Burkhardt ist ein Pionier der Rundum-Fotografie und eine lebende Legende. Burkhardt wurde 1922 geboren, 2014 ist er 92 Jahre alt und lebt am Vierwaldstätter See. Horst Welker lernte ihn 1957 in der Schweiz kennen. Burkhardt wurde sein Freund und Ratgeber in Sachen Bergfotografie. Willi Burkhardt hat mehr als 50.000 Großbildaufnahmen geschaffen. Seine Spezialität sind Luftaufnahmen und 360°-Panoramas. Er fotografierte auf fünf Kontinenten. Das Buch „Viertausender der Alpen“, mit Burkhardts Fotos neu aufgelegt, gilt als Klassiker der Bergliteratur.

Der Fußballer Konrad Wagner (1932 bis 1996) kam aus Penig. Er spielte in der DDR-Oberliga für den SC Wismut Karl-Marx-Stadt und die BSG Wismut Aue sowie vier Mal für die DDR-Nationalmannschaft. Seiner Verehrung für Wagner verdankt Welker eine Leidenschaft für den FC Erzgebirge Aue, die bis heute anhält. Auch in Chile lässt sich Welker über ostdeutsche Fußballergebnisse informieren. Dafür nutzt er sein Netzwerk in der alten Heimat. Funksignale zur Internetnutzung liegen direkt am chilenischen Wohnsitz in Puerto Varas nicht an.

Der von Bergkletterern weltweit verehrte Wolfgang Güllich kam 1992 bei einem Autounfall nahe Ingolstadt ums Leben – im Alter von nur 32 Jahren. Für Horst Welker war Güllich der beste Kletterer der Welt.

Mit dem sächsischen Sportkletterer und Bergsteiger Bernd Arnold war Horst Welker in Patagonien unterwegs. Arnold wurde 1947 in Hohnstein geboren, wo er heute noch lebt und einen Bergsportladen führt. Bekannt wurde er mit vielen Erstbegehungen schwieriger Kletterwege in der Sächsischen Schweiz. Häufig war er barfuß unterwegs, nach der Wende auch international. „Bernd Arnold ist eine Legende im Fels und der Beste im Sandstein“, sagt Horst Welker. Er selbst sah seine Stärken zur aktiven Zeit in Schnee und Eis.

Veröffentlicht in der „Freien Presse“, Ausgabe Rochlitz, am 12. Juli 2014

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