Neurochlitz in der Uckermark: Immer noch ein neuer Anfang

Die Stadt Rochlitz bei Chemnitz hat einen Satelliten in der Uckermark. Neurochlitz wurde nach dem zweiten Weltkrieg gegründet, um Siedlern und Versprengten aus Sachsen eine Zukunft und einen Broterwerb zu geben. Im Dezember 2014 habe ich Neurochlitz besucht und mit den ältesten Bewohnern gesprochen. Einige meiner Fotos aus Neurochlitz stehen hier.

Erich Knorr, der das Dorf Neurochlitz erfunden hat, lebte sieben Leben. Der Claußnitzer leitete in Burgstädt den illegalen kommunistischen Widerstand gegen die Nazis, saß im Zuchthaus Waldheim, leistete geheimen Widerstand im Strafbataillon 999 der Wehrmacht. Nach dem Krieg wurde er Landrat in Rochlitz, leitete einen Saatgutbetrieb im Harz und rückte 1953 an die Spitze der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe der DDR. Querelen mit der SED kosteten ihn mehrere Ämter. Ein Linker blieb er trotzdem. 2012 starb er in Chemnitz, kurz vor seinem 100. Geburtstag.

„Hier habe ich die Adresse und die Telefonnummer des Genossen Erich Knorr“, sagt Ruth Proszak an diesem Dezembernachmittag in ihrer Stube in Neurochlitz, an einem abgegriffenen Adressbuch nestelnd. „Ich weiß aber nicht, ob er noch lebt.“ Sie spricht immer, wenn sie ihn erwähnt, vom „Genossen Erich Knorr“ und erzählt, wie er sie hier im Dorf besucht habe, viele Male. Er muss ein respektabler Mann gewesen sein, auch für sie.

Ruth Proszak ist 92 Jahre alt, die älteste noch lebende Bewohnerin des Dorfes aus der ersten Siedlergeneration. Sie wohnt an der Dorfstraße West, am Zaun hängt noch das „Gemeindeschwester“-Schild. Weit hinterm Haus auf der B2 rollen die Laster nach Stettin, kaum eine halbe Stunde Fahrt. Aber wenn Ruth Proszak aus dem Fenster blickt, umgibt sie ein dörfliches Idyll. Die ehemalige Gemeindeschwester und Dorfbibliothekarin, die mit fester Stimme erzählt, führt ein ruhiges Leben. Sie wird von der Diakonie betreut, und sie verwöhnt einen Kartäuserkater, Felix, „das Einzige, was mir noch geblieben ist“. Sein Eigensinn reizt sie manchmal, früher hatte sie Hunde. Sie hält fünf Hühner und einen Hahn, die gerade nicht hinaus dürfen, obwohl das Gras noch grün ist: „Hühnersperre“ in der Uckermark, zum Schutz vor der Geflügelpest.

Ruth Proszak ist die Hüterin schöner, tragischer, einzigartiger Neurochlitzer Erinnerungen. Und wenn es Knorrs verrückten Plan nicht gegeben hätte, dann äre sie das nicht geworden.

Ruth kommt 1923 in Chemnitz zur Welt, in ärmlichsten Verhältnissen. Die Mutter stirbt an Tuberkulose. Mit 14 geht sie ins „Pflichtjahr“ nach Limbach-Oberfrohna und besucht eine Hauswirtschaftsschule. In Rochlitz lernt sie ihren künftigen Verlobten kennen. Die große Liebe, Porzellanmaler von Beruf. Er fällt,kaum dass der Krieg begonnen hat.

Ruth wird Ordensschwester, schließt sich in Leipzig den Albertinerinnen an und widmet sich der Krankenpflege. Der aus Krakau stammende Orden umsorgt die Einsamen und Notleidenden. Seine Angehörigen geloben Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam. Am 4.Dezember 1943 beginnt der schwerste Luftangriff auf Leipzig. Ruth, Anfang 20, arbeitet Tag und Nacht. Sie versorgt auch einen Jungen, Fritz, dessen Mutter im Bombardement gestorben ist. Zwei Geschwister hat er, Elke und Heinz, und einen Vater, Wilhelm Proszak. Ihre künftige Familie. Von der Kirche entfernt sie sich, tritt zu DDR-Zeiten aus, als ein Eberswalder Pastor sich weigert, ein Kind zu beerdigen,das an der Jugendweihe teilgenommen hat. Aus der Ordensschwester wird eine SED-Parteigängerin, die auch Parteifunktionen übernimmt.

Wilhelm Proszak ist 1948 begeistert von Erich Knorrs Idee, altansässige Rochlitzer und Ausgebombte, Umsiedler aus Schlesien und Ostpreußen in der Uckermark anzusiedeln, wo sie ein Dorf errichten und von der Landwirtschaft leben könnten. Proszak ist Automechaniker in Rochlitz und besitzt einen Lastwagen mit Holzgasantrieb, mit dem er Umsiedlungswillige zum Bahnhof fährt. „Ich erinnere mich noch gut, wie 1948 in Rochlitz und Umgebung für diese Umsiedlung geworben wurde“, berichtet Dr. Reinhard Braune, der aus Rochlitz stammt, an mehreren hiesigen Krankenhäusern praktizierte und nun in Greifswald lebt, wo er an der Universität tätig war. Er hat Neurochlitz dieses Jahr besucht. Mit dem schmucken Ort, den er da vorfand, hatte Neurochlitz anfangs nichts zu tun.

„Hier gab es nämlich gar nichts“, sagt Ruth Proszak trocken. Flaches Land, kaum ein Baum, kaum ein Strauch. Eine Vorhut aus Sachsen errichtet in Krähenort, einen Kilometer entfernt auf Rosower Flur, ein Sägewerk, das Bretter für Baracken schneidet – die ersten Behausungen. Dort pfeift der Wind durch die Ritzen. Dachpappe gibt es nicht, man nimmt Verdunkelungspapier. Regnet es herein, werden Schüsseln unters Dach gestellt. Die Toiletten sind selbst gezimmert, mit einer Decke als Sichtschutz vor dem Balken.
Ruths Reise ins Nichts, das ihr neues Leben werden soll, beginnt Mitte März 1949 am Rochlitzer Bahnhof. Die Habe wird am Vorabend auf den Bahnsteig geräumt, ein Gummibaum erfriert in der Kälte. Im Waggon eine Couch, damit die Kinder schlafen können, und einige Kaninchen. Das Heu auf dem Hänger hinter der Lok fängt einmal Feuer und wird vom Bahnpersonal gelöscht.

Ankunft in Tantow, von hier noch fünf Kilometer querfeldein. Tantow, Rosow, Radekow – alles auf-ow, Ruth buchstabiert es:„O-weh“. Und fragt sich: „Was hast du da bloß gemacht?“ Stille. Sie habe so viele bittere Tränen geweint.

40 Neubauern und zwei Handwerker fangen in Neurochlitz neu an. Der Tag der Gründung der DDR, 7. Oktober 1949, gilt als Gründungstag des Dorfes. Jede Familie erhält knapp zehn Hektar Land. Die Bauplätze werden verlost, ebenso das Vieh. Ruth sagt: „Wir kriegten leider eine alte Kuh, die hieß Flora und gab nur zwei Liter Milch.“ Einmal wurden die von den Ferkeln der Zuchtsau weggesoffen.

Mit den ersten Siedlern kamen auch Kinder. Anita Achterberg, geborene Georgius, damals elf Jahre alt, lebt heute noch im Ort. Sie ist in Zassnitz geboren, der Vater war Polizist, die Mutter Köchin. Mit Kindern, sagt sie, habe über den Umzug niemand diskutiert: „Das wurde gemacht und fertig.“ In Rochlitz hatte Anita zuletzt auf der Leipziger Straße gewohnt und die Muldenschule besucht. Jetzt lief sie eine Stunde von Neurochlitz nach Tantow zu Fuß. Ob es ihr in Neurochlitz gefällt? Achselzucken. Die Verwandtschaft ist in Sachsen. Ihr Bruder kehrte nach Rochlitz zurück, ihre Schwester lebt in Geringswalde. Anita Achterberg, 76, sechs Kinder, ein Leben voller Arbeit, weicht weiteren Fragen mit einem Lächeln aus.

Sie seien als Eroberer in das namenlose Land gekommen, formulierte Gerda Görl, eine Siedlerin der ersten Stunde, für die Neurochlitzer Chronik. Auf dem kleinen Friedhof draußen in den Äckern, der so wenige Gräber zählt, liegt sie begraben. Hier ist auch Wilhelm Proszaks letzte Ruhestätte, der schon 1985, vor fast dreißig Jahren, bei einer Busfahrt nach Gartz plötzlich verstarb.

„Ich habe hier Kinder auf die Welt geholt und die Toten gewaschen“, sagt Ruth Proszak am Wohnzimmertisch. Ihre Sachsenkinder, Fritz, Elke und Heinz, hat sie zu ihrem Kummer schon verloren. Es gibt Enkel. In den letzten Jahren erhielt Ruth mehrere Male von Journalisten Besuch, die nach Neurochlitz fragten. Das Dorf verliert Einwohner, sagt Bürgermeister Wilfried Burghardt. 160 Menschen lebten hier Anfang der 1990er-Jahre, jetzt sind es noch 112.

Katja Reissig, 33 Jahre und eine Verwandte von Frau Achterberg, ist der lebende Beweis, dass es immer noch vereinzelten Zuzug aus Sachsen gibt. Sie kam vor vier Jahren aus Lunzenau hierher, weil sie die Ruhe liebt und Arbeit fand. In einige der Siedlerhäuser sind polnische Familien eingezogen.

Es ist ruhiger geworden. Die heutigen Bewohner des Siedlerdorfes pendeln aus. Die Agrar GmbH Neurochlitz am Ortsende spielt keine große Rolle als Arbeitgeber für Neurochlitz selbst.

Hat Ruth Proszak, die nicht nach Neurochlitz wollte, ihren Frieden mit dem Dorf gemacht? Sie antwortet mit einer Anekdote. „Ich kehrte einmal nach Chemnitz zurück, um ein Teil für unseren Lastwagen zu besorgen. Da war ich auch in Rochlitz, bei der Schwiegermutter, der Mutter meines Verlobten. Und im Rochlitzer Krankenhaus, wo ich als Schwester gearbeitet hatte.“ Dort habe sie plötzlich Freude verspürt. „Ich sah, dass es hier ganz gut ohne mich ging. Und das hat mir in Neurochlitz geholfen.“

Hintergrundinformationen

Als Gründungsdatum von Neurochlitz gilt der 7. Oktober 1949. Die Siedlung wurde auf ehemaligem Junkerland der Güter Pargow (Pargowa, heute Polen) und Staffelde/Mescherin gegründet. Eine Vorhut Rochlitzer Neusiedler kam schon 1948 her, viele Familien ab Frühjahr 1949. Vor allem in Eigeninitiative und mit Hilfe Rochlitzer Solidaritätskolonnen, die zeitweise hier arbeiteten, entstanden 41 Häuser. Die Siedler waren Industriearbeiter, Heimatvertriebene, Ausgebombte. Nicht alle waren gleich arm. Im Dorf unterschied man „Rucksackbauern“ und „Pferdebauern“, je nachdem, wie gut es materiell um die jeweilige Wirtschaft bestellt war.

Zwei Genossenschaften, zu DDR-Zeiten kurz LPG genannt, wurden ab 1954 gegründet: „Vorwärts“ und „Neuer Weg“. Die Landwirtschaft war die wirtschaftliche Grundlage des Ortes, der bald prosperierte. 1950 eröffnete die Schule. Später gab es einen Konsum, ein Kulturhaus, einen Kindergarten, eine Post. Davon ist nichts mehr vorhanden. Auch der „Dorfkrug“, zuletzt vom Heimatverein bewirtschaftet, ist zu.

Die erste Krise erlebte das Dorf Anfang der 1970er-Jahre, berichtet Bürgermeister Wilfried Burghardt. Damals zogen viele Kinder der Siedlergeneration aus Neurochlitz weg. In den 1980er-Jahren, als die private Tierhaltung in der DDR erleichtert wurde, stieg die Bevölkerungszahl auf gut 160 an. Seit Mitte der 1990er-Jahre sinkt die Einwohnerzahl stetig.

Neurochlitz gehört heute zur Gemeinde Mescherin, Ortschef Wilfried Burghardt (seit 1993) ist zugleich Gemeindebürgermeister. Es gebe Baugrund im Ort, aber keine leerstehenden Häuser, sagt Burkhardt. Mit den neuen polnischen Nachbarn, die zuziehen, lebe man gut zusammen.

Veröffentlicht am 23. Dezember 2014 in der „Freien Presse“ Chemnitz und im Lokalteil Rochlitz.

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