Vorsicht, schwer erziehbare Eltern!

Viele Kinder haben Kummer, weil ihre Eltern das Internet nicht verstehen. Gottlob gibt es jede Menge Experten, die Eltern sagen können, was richtig und was wichtig ist. Gestern zum Beispiel züchtigte eine Krankenkasse die Erwachsenenwelt mit dem Ergebnis einer Meinungsumfrage, einer ernsthaften Mängelrüge: „Internetsucht: Eltern geben Kindern oft keine Regeln“. Immerhin, zwei Informationen und eine These stecken in diesen sieben Wörtern. Die Informationen: dass es so etwas wie „Internetsucht“ gibt und dass Eltern zu wenig Regeln setzen. Die These: Naseweise Kinder lassen sich durch Regeln vor Netzgefahren schützen.

Dreimal falsch, denke ich.

 

Was die „Internetsucht“ angeht: Es gibt Süchte, die sich des Internets bedienen, wie Glücksspiel- oder Onlinesexsucht. Für Menschen mit Beziehungs- und Verhaltensproblemen dient das Internet als Ausweich- oder Rückzugsort. Wird das Netz dadurch zum Schlüsselelement der Sucht? Wohl nicht. Wir sprechen ja auch nicht von Tankstellensucht, wenn sich dort einer Alkohol und Zigaretten holt.

Das Verhalten gerade von 12- bis 17-Jährigen, um die es in der Studie geht, ist eine wunderbare, schwer zu kalkulierende Sache. Im Leben eines jeden Menschen, auch in Ihrem oder meinem, ist das eine Zeit, in der man sich lieber nach Gleichaltrigen richtet. Im Elternhaus gelten Regeln, klar, aber am stärksten wirken Eltern jetzt durch ihr Vorbild. Wenn Mama sich als Facebook-Junkie präsentiert und Papa mit der Glotze verheiratet ist, dann dürften Regeln für den Filius und die Filia wenig helfen. Ein Hoch auf Eltern, die selber einmal abschalten können.

Wer Regeln setzen will, sollte auch die Materie kennen. Der Netzgebrauch der Jugend ist für Ältere ein Buch mit sieben Siegeln. Was bringen denn die gerade angesagten Videokanäle, was macht Snapchat, wo liegt Kalimdor? Wissen wir’s? Selbst in der Krankenkassen-Studie schimmert ein gewisses Fremdeln durch. Vor zehn Jahren war das Internet ein Ding, das man wegschließen konnte: Passwort, fertig. Heute hat es unser Leben durchdrungen. Es ist auf dem Handy, im Fernseher, der Konsole, im Auto und am Handgelenk. Dabei hat es seinen Dingcharakter verloren. Es ist ganz Medium geworden, ein unterliegendes System wie Sprache oder Bilder. Abschalten allein löst nichts.

Und die Erziehung? Ich schlage Goethe vor. „Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“ Ein Satz wie ein Kompass – auch in Bezug aufs Internet, ganz ohne krude Studie.

Veröffentlicht in der „Freien Presse“ am 1. Dezember 2015

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