Alben des Jahres: Wanda „Bussi“

bussiWanda Kuchwalek, die „Wilde Wanda“: Wiener Kultfigur, Tochter einer Schlangentänzerin, einzige weibliche Zuhälterin von Rang in der Stadt. Hart im Geben – die Stahlrute war ihr Markenzeichen –, hart im Nehmen, und betrunken völlig unberechenbar. Nach ihrem Tod 2004 ist Kuchwalek, nichts anderes ist anzunehmen, zur Hölle gefahren. 2014 erstand sie wieder auf: im Namen einer erstaunlichen Band und ihres Sängers, der eine Literatenseele hat und alles, was er äußert, mit Fanfare, Unterton und Beiklang ausstaffiert. 

 

Wandas zweites Album nach „Amore“ heißt „Bussi“, wieder fünf Buchstaben, A-B. Dann räkelt sich im anspielungsreichen „Bussi“-Video (Ein Kreuz aus Weinflaschen! Ein Kinderwagen wie im „Potemkin“!) ausgerechnet Ronja von Rönne mit Marco Michael Wanda im Requisitenbett. Von Rönne ist Verfasserin hipper kleiner Manifeste, bei denen sich vor Aufregung schon mal im Café Einstein in Berlin auf dem Cappuccino der Milchschaum kräuselt. Das „Bussi“-Plattencover zeigt die Band fischend am Cospudener See, inklusive eines rätselhaften Spiegelbilds ganz links im Wasser, und man kann natürlich längst die Hintergrund-Story eines Reporters googeln, der die Band an diesen mysteriösen Ort begleiten durfte.

Sie haben’s halt kapiert: „Wenn du du selber bist, bist du so fad, dass niemand mit dir spricht. Es schaut dich niemand an, wenn du dich selbst nicht spielen kannst.“ („Lieber dann als wann“) Wanda spielen sich und die Medien geschickt, und es wäre nicht der Rede wert, wenn es diese Songs nicht gäbe, die mit so einfachen musikalischen Mitteln wie weiland „Let It Be“ ins Gedächtnis träufeln und dort anbacken, als wären sie schon immer da gewesen.Wanda schreiben unvergessliche Zeilen – über Lebenslust und Überdruss, Sex und Tod, Liebe und Religion – unangestrengt und überlegen.

„Wenn man dich fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Wandas Credo wurde von Rainald Goetz, der dieses Jahr den größten deutschen Literaturpreis, den Büchnerpreis, gewonnen hat, am Ende seiner Dankesrede zitiert.

www.freiepresse.de/alben2015

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s